50 Jahre Frauenfußball

Vor und nach dem Verbot: Christel Klinzmanns Leben für den Fußball

ExklusivEine Leidenschaft fürs Leben: Christel Klinzmann beginnt mit 14 Jahren Fußball zu spielen, kickt in der Nationalmannschaft und mit dem VfR Eintracht Wolfsburg im DFB-Pokal. Doch auch nach dem Karriereende bleibt der Fußball ein Teil von ihr.

1984, DFB-Pokalendrunde der Frauen. Auf dem Platz im Frankfurter Waldstadion stehen die Favoritinnen der SSG 09 Bergisch Gladbach mit Spielerinnen wie Petra Landers und Anne Trabant-Haarbach. Ihnen gegenüber: der VfR Eintracht Wolfsburg. 15.000 Zuschauer verfolgen das Spiel, das am Ende mit 2:0 Bergisch Gladbach gewinnt. Auf Seiten der Verlierer stand damals auch Christel Klinzmann – doch als Verliererin fühlt sich die damalige Defensivspielerin nicht. „In die Endrunde zu kommen, war für uns als Verein der größte Erfolg. Klar war die Enttäuschung hinterher groß, aber wir haben uns gut verkauft“, erzählt uns Klinzmann am Telefon. Die Zeitung lobte sie damals als herausragende Spielerin.

Christel Klinzmann (66) ist heute vierfache Oma und blickt auf ein Leben geprägt von Fußball zurück. Als Spielerin, Trainerin, Schiedsrichterin und jetzt als Fan von ihrem Enkel hat der Sport sie immer begleitet. Als wir sie fragen, was den Fußball eigentlich für sie ausmacht, lacht Christel Klinzmann. Diese Frage habe ihr noch gar niemand gestellt. Sie überlegt. „Es ist der Kontakt innerhalb der Mannschaft, die Freundschaften im Fußball, die den Sport so besonders machen“, sagt sie dann.

Kicken trotz DFB-Verbot

Angefangen hat die Niedersächsin mit 14 Jahren. Ihr damaliger Freund und heutiger Mann Dieter hat sie mit zu einem seiner Fußballspiele genommen. Dort im Verein trainierte auch eine Frauenmannschaft. Als Dieter damals damit angab, was diese Spielerinnen könnten, könne seine Freundin schon lange, war Christels Interesse geweckt. Sie trainierte ab sofort bei der Damenmannschaft mit, kickte mit Freunden und auch mit ihren Brüdern. Dass das zu dieser Zeit, 1968, für Frauen im DFB noch gar nicht offiziell erlaubt war, hat Christel Klinzmann gar nicht registriert. „Freundschaftsspiele hatten wir ja trotzdem.“

Und dann wurde das Verbot ja auch bald aufgehoben. Christel Klinzmann wechselte 1975 zu VfR Eintracht Wolfsburg, aus dem sich Jahre später die heutige Frauenabteilung des VfL Wolfsburg gründen sollte. Eine Bundesliga gab es damals noch nicht, von 1974 bis 1990 wurde aber die deutsche Fußballmeisterschaft ausgetragen. Der VfR war 1990 Gründungsmitglied der zweigleisigen Frauen-Bundesliga, sechs Jahre später drohte der Konkurs. Daher wechselten die Damen zunächst zum WSV Wendschott und 2003 geschlossen zum VfL Wolfsburg.

Überwiegend positive Reaktionen

Als Christel Klinzmann 1975 in Wolfsburg begann, hatte sie kurz davor ihren Sohn Marc bekommen. „Natürlich kamen da auch mal spitze Bemerkungen, weil mein Mann auf unseren Sohn und später auch auf unsere Tochter aufpasste, während ich beim Fußball war. Üblich war das ja damals nicht“, erinnert sich Klinzmann. Doch überwiegend waren die Reaktionen positiv. In ihrem Heimatdorf waren alle interessiert an ihrer Karriere und haben sich gefreut, sie auch mal im Fernsehen zu sehen. „Trotzdem: Ohne meinen Mann und meine Eltern wäre das nie möglich gewesen.“

DSC_2765.JPG Ein Pokalspiel gegen den Dauerkontrahenten TV Wildeshausen, Christel Klinzmann ist die 5. v.r.. Foto: Marc Klinzmann

Als 1982 die neu gegründete Frauen-Nationalmannschaft ihr allererstes Länderspiel gegen die Schweiz bestritt, war Christel Klinzmann auch mit von der Partie. Und das war gar nicht so selbstverständlich, denn der Kader bestand vor allem aus Spielerinnen der SSG 09 Bergisch Gladbach, die im Jahr zuvor die inoffizielle WM in Taiwan gewonnen hatten, als es noch kein DFB-Frauenteam gab. „Es war etwas ganz Besonderes, dass ich ebenfalls im Kader war. Und als ich dann zur Halbzeit eingewechselt worden bin, war ich total glücklich. Und nervös.“ Die zweikampfstarke Defensivspielerin unterstützte ihr Team beim 5:1-Erfolg. Bis 1989 folgten für Christel Klinzmann 20 weitere Einsätze für die Nationalelf.

Lena Oberdorf vom VfL Wolfsburg im Blick

Heute spielt die vierfache Oma nicht mehr, ein angerissenes Kreuzband macht ihr zu schaffen. Doch lange Jahre war sie noch selbst aktiv, bei den Ü40-Herren ihres Vereins zum Beispiel. Und zuvor war sie mehr als zehn Jahre als Trainerin beim TSV Barmke aktiv. „Am Wochenende schaue ich jetzt entweder meinem Enkel beim Fußball oder der Enkelin beim Handball zu“, sagt die ehemalige Nationalspielerin. Oder sie sitzt vor dem Fernseher und verfolgt, was der VfL Wolfsburg in der Frauenbundesliga macht. Ein besonderes Augenmerk hat sie dabei auf Lena Oberdorf. „Sie erinnert mich an mich früher, an meine eigene Spielweise.“ Auch wenn natürlich der Frauenfußball heute viel technischer und athletischer ist als noch vor 30 oder 40 Jahren.

Erschienen in 50 Jahre Frauenfußball, Fußball am 31. Oktober 2020

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