50 Jahre Frauenfußball

Das einzige Länderspiel der DDR-Frauen: ,Hatten richtig Schiss in der Hose'

SID
SID

SID

01. November 2020

Als Deutschland um die Einheit rang, bestritt die DDR-Nationalmannschaft der Frauen ihr einziges Länderspiel. Es war lang ersehnt und doch viel zu spät.

Der Ärger in Bernd Schröders Stimme ist nicht gespielt, wenn er über den 9. Mai 1990 spricht. "Schmerzend war die Art und Weise, wie wir unser erstes und einziges Länderspiel dort in den Sand gesetzt haben. Das beschäftigt mich heute noch", erinnert sich der 78-Jährige, der damals als Nationaltrainer der DDR-Fußballerinnen 0:3 gegen die Tschechoslowakei verlor. Nur Monate bevor der Staat aufhörte zu existieren.

Historisches Spiel vor 800 Zuschauern

Vor ein paar Monaten, berichtet Schröder im Gespräch mit dem SID, schlenderte er zusammen mit ein paar Spielerinnen um die damalige Kapitänin Sybille Brüdgam noch einmal durch die Katakomben des Karl-Liebknecht-Stadions in Potsdam, wo das historische Spiel vor 800 Menschen stattgefunden hatte. "Da haben die mir bestätigt: Wir hatten richtig Schiss in der Hose, haben uns nicht konzentriert und nur gehofft, dass das irgendwie gut geht", sagt Schröder. Ist es dann aber keinesfalls, es lief sogar richtig mies.

Und dennoch: Rund um diese Begegnung, die im Grunde viel zu spät kam, lässt sich das Dilemma des Frauenfußballs in der DDR gut erzählen. Zunächst waren die Vorzeichen im Osten besser als im verfeindeten Westen, wo der Deutsche Fußball-Bund (DFB) Frauen von 1955 bis 1970 verbot, gegen den Ball zu treten. In der DDR wurde die Gleichstellung von Mann und Frau ideologisch stark gefördert, die 68er-Bewegung half darüber hinaus, und so schossen Ende der 60er-Jahre Frauenfußball-Teams wie Pilze aus dem Boden.

Frauenfußball in der Politik nicht gern gesehen

Die Hindernisse waren andere. Die DDR-Sportführung um Manfred Ewald, den früheren Präsidenten des Deutschen Turn- und Sportbundes, sah es aus sportpolitischen Gründen nicht gerne, wenn Frauen Fußball spielten. "Unsere Sportführung hatte immer den Gedanken: Wenn wir den Frauenfußball fördern würden, der nicht olympisch ist, würde das zu Lasten anderer Frauensportarten gehen, weil Fußball sehr populär war", sagt Schröder.

Wozu also Ressourcen aufwenden, wenn es keine Olympia-Medaillen für das Regime bringt. Es dauerte bis zum Sommer 1989, die Stimmung in der DDR war wegen der schlechten Wirtschaftslage höchst angespannt, ehe Schröder als Coach des sechsmaligen DDR-Meisters Turbine Potsdam zusammen mit seinem Kollegen Dietmar Männel zum Nationaltrainer ernannt wurde. Doch warum ausgerechnet jetzt eine Nationalmannschaft gründen? Nur Monate vor dem Mauerfall.

Schwierigkeiten, einen Kader zu bekommen

"Es war praktisch der letzte Versuch. Quasi noch einmal die Hand hochgehalten kurz vorm Absaufen", sagt Schröder. Die Funktionäre machten sogar Mittel für Trainingslager locker, aber Schröder hatte ganz andere Probleme. Ihm fiel es schwer, überhaupt einen Kader zusammenzukratzen. Die jahrelange Vernachlässigung durch die Sportführung kostete talentierten Nachwuchs.

"Wir hatten gute Spielerinnen, die aus dem Handball gekommen sind. Aber wenn sie sehen, dass es nicht voran geht, ist es auch irgendwann zuende. Die Generation vom Länderspiel war dann gar nicht mehr die beste."

Zwischendurch waren auch noch ein paar Spielerinnen in den Westen gegangen, denn die Mauer war mittlerweile Geschichte. Birte Weiß, die Einzige aus dem DDR-Team, die es später auch in die gesamtdeutsche Nationalmannschaft schaffen sollte, fehlte mit einem Kreuzbandriss.

Verpflichtung zum Sieg eingeimpft

Schröder ist jedoch heute noch davon überzeugt, dass die Mannschaft individuell gut genug war, die DDR-Frauen verloren ihr großes Spiel seiner Meinung nach im Kopf. Der Coach sprach von "schlackernden Knien", die er schon während der Nationalhymne festgestellt habe. Ihnen wurden im DDR-System schließlich die Verpflichtung zum Sieg eingeimpft, vor allem natürlich den Olympia-Athleten.

Aber es färbte auch auf alle anderen ab. "Bei Olympischen Spielen gilt halt nur der erste Platz und so sind wir im Sport auch erzogen worden. Wir sind zur Höchstleistung verpflichtet, denn sonst müssen wir nach Sibirien - ich übertreibe mal jetzt", sagt Schröder leicht lachend. Ins russische Gulag verbannten sie ihn nicht. Wer hätte ihn auch dorthin schicken sollen? Schröder blieb weiter in Potsdam. Dort, wo die DDR für ein Spiel eine Frauen-Nationalmannschaft hatte.

Titelfoto vom Länderspiel von www.fussballschule-1.de bereitgestellt.

Erschienen in 50 Jahre Frauenfußball, Fußball am 01. November 2020

Deine Unterstützung für mehr Vielfalt in der Sportberichterstattung

Seit Jahren kämpft Sportfrauen dafür, die Leistungen von Sportlerinnen in Deutschland stärker hervorzuheben und ihnen die verdiente Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Um unabhängig und qualitativ hochwertig zu arbeiten, benötigt Sportfrauen die Unterstützung der Leser:innen. Wir wollen unser Angebot nicht hinter einer Paywall verstecken, sondern die Inhalte allen Interessierten zugänglich machen. Auch wollen wir uns nicht mit einer Vielzahl an Werbeflächen von Firmen und Organisationen abhängig machen, die unsere Werte und Ziele womöglich nicht teilen. Das funktioniert jedoch nur, wenn die Leser:innen Sportfrauen finanziell unterstützen. Mit einer Mitgliedschaft oder einer freien Unterstützung kannst du dazu beitragen, dass das Projekt weiter bestehen bleibt und noch viel mehr Veränderungen in der deutschlandweiten Sportberichterstattung vorantreiben kann.

Voll dabei sein! Einmal zahlen

Artikel zum Thema

Weitere Artikel