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Tennis

Skispringerin Gianina Ernst im Interview: Karriereende mit 21

ExklusivAls 15-Jährige war sie die jüngste Starterin bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi und feierte dort die Olympia-Premiere der Skispringerinnen. Jetzt hat Gianina Ernst mit nur 21 Jahren ihr Karriereende bekannt gegeben. Wir haben mit ihr über den Abschied, ihre Karriere und ihre Zukunftspläne gesprochen.

Lange Zeit war es ruhig um die deutsche Skisprung-Hoffnung Gianina Ernst. Mitte Oktober dann verkündete die 21-Jährige auf Instagram ihr Karriereende. Nach zwölf Jahren Leistungssport mit zwei Junioren-Weltmeister-Titeln im Team und einem Podestplatz im Weltcup ist nach zwei schweren Knieverletzungen Schluss. Warum es für sie keinen Weg zurück gibt, wie schwer der Schritt zum Karierende gefallen ist und warum eine Rückkehr in den Sport trotzdem denkbar ist, hat uns Gianina im Interview erzählt.

Was hat den Ausschlag für dein Karriereende mit nur 21 Jahren gegeben?

„Es waren mehrere Faktoren, die zusammengespielt haben. Ausschlaggebend für die tatsächliche Entscheidung war dann aber einfach meine Gesundheit. Mit meiner Verletzungsgeschichte und zwei Kreuzbandrissen besteht ein gewisses Risiko wieder auf die Schanze zurückzugehen. In Abwägung mit Ärzten und Physiotherapeuten habe ich dann entschieden, dass das Langzeitrisiko bei einer erneuten Rückkehr in den Leistungssport einfach zu hoch ist.“

Bundestrainer Andreas Bauer hat in einer Pressekonferenz angedeutet, dass auch Corona und eine dadurch in der Schweiz nicht mögliche OP einen Ausschlag gegeben haben? Wie ist das auch deiner Sicht gelaufen?

„Ausschlaggebend war es nicht wirklich, aber es war natürlich eine schwierige Zeit. Die Krankenhäuser waren dazu verpflichtet, die nicht lebensnotwendigen Operationen abzusagen. Darunter war dann natürlich auch meine OP. Mir hat das aber auch noch einmal Zeit gegeben, mich intensiver mit der Entscheidung, wie es mit meinem Knie weiter gehen soll, zu beschäftigen. Schlussendlich habe ich mich gegen eine OP entschieden und bin jetzt ohne Kreuzband unterwegs. Es hat also insofern meine Entscheidung beeinflusst, dass es den ganzen Heilungsverlauf noch weiter ins Jahr hinaus zurückgeschoben hat, was natürlich für einen Sportler, der möglichst schnell zurückkommen will, problematisch ist. Allerdings habe ich mir in dem Moment auch gedacht: Es liegt nicht in meiner Hand, es geht allen gleich und ich muss es so nehmen, wie es gerade ist.“

Ernst_1.png Foto: Joachim Ernst

Wie schwer ist dir die Entscheidung gefallen?

„Schon schwer. Es war ein Prozess über mehrere Monate. So eine Entscheidung trifft man nicht von heute auf morgen. Das Ringen mit mir selbst, das Abwägen von Vor- und Nachteilen aber auch viele Gespräche mit meinen Eltern, Ärzten und Trainern haben einige Zeit gebraucht. Schlussendlich muss man aber irgendwann eine Entscheidung treffen. Endgültig zu sagen, ich entscheide mich für den Weg mit dem Leistungssport aufzuhören, war nicht einfach, denn es war bis dahin mein Lebensinhalt und auch eine Leidenschaft, die mich extrem erfüllt hat und der ich wirklich mega gerne nachgegangen bin. Es war ein langer und gut überlegter Prozess und nicht einfach, aber für mich die richtige Entscheidung.“

Ein Blick auf deine Karriere. Bei deinem ersten Weltcupeinsatz mit nur 14 Jahren 2013 in Lillehammer hast du direkt den zweiten Rang und damit dein erstes Weltcup-Podium erreicht. Wie hast du deine Anfänge im Weltcup in Erinnerung?

„Ein großes Wunder (lachend). Wenn ich zurückschaue, denke ich das jedes Mal, auch wenn ich nicht daran zweifle, die Fähigkeiten und das Können für den Sprung auf den zweiten Platz gehabt zu haben. Ich glaube schlussendlich war der Punkt für meinen so guten Einstieg, dass ich an die Schanze gegangen bin und einfach mit Spaß und Freude gesprungen bin. Ich war einfach dankbar dabei zu sein und habe es nicht so leistungsorientiert gesehen. Klar war ich aufgeregt, im Weltcup dabei zu sein, aber ich habe den Druck ein bisschen von mir genommen, weil ich das Gefühl hatte, jetzt erst einmal dabei sein, egal was rauskommt. Das war wirklich einer meiner besten Wettkämpfe, den ich immer in Erinnerung behalten werde.“

Hast du nach deinem erfolgreichen Start Druck gespürt?

„Ja, vor allem aber auch sehr viel Druck von mir selbst. Ich möchte niemandem unterstellen, er hätte mir Druck gemacht, sondern das passiert in der Sportwelt automatisch. Wenn man gut ist, möchten die Leute gerne mehr sehen und die Erwartungen vom Umfeld und auch meine eigenen Erwartungen sind gestiegen. Ich habe gesehen, was möglich ist und wollte das wiederholen und noch besser werden. Dabei musste ich lernen, mit dem Druck umzugehen und ihn für Hochleistungen zu nutzen, ohne erdrückt zu werden.“

Für mich als 15-Jährige war es die erste Einkleidung und da bekommt man einen ganzen Kleiderschrank geschenkt. Das war wie Weihnachten und Geburtstag zusammen, einfach unglaublich und einmalig im Leben.

2014 warst du mit 15 Jahren die jüngste Teilnehmerin bei den Olympischen Spielen in Sotschi. Wie hast du dieses Erlebnis in Erinnerung?

„Die Tatsache, dass ich jüngste Olympionikin aller Zeiten bin, ist irgendwie schon schön und etwas, was mir bleiben wird. Ich habe sehr viele coole Erinnerungen an die Olympiade. Die Premiere des olympischen Damenskispringens und vor allem der Sieg von Carina Vogt haben das Ganze einzigartig gemacht. Besonders in Erinnerung ist mir vor allem die Einkleidung geblieben. Für mich als 15-Jährige war es die erste Einkleidung und da bekommt man dann einen ganzen Kleiderschrank geschenkt. Das war wie Weihnachten und Geburtstag zusammen, einfach unglaublich und einmalig im Leben. Aber auch die ganze Atmosphäre und das olympische Dorf waren total verrückt. Ich war davor selten groß in der Welt unterwegs. Der Gesamteindruck war immens.“

Deine olympische Premiere hast du dann auf dem 28. Platz beendet.

„Leider war ich in Sotschi recht krank und hatte mit einer schweren Grippe zu kämpfen. Ich konnte im Training nicht mitspringen und mich daher nicht optimal vorbereiten. Es stand auf der Kippe, ob ich überhaupt mitspringen kann. Schlussendlich war ich da einfach froh, dass ich an den Start gehen konnte und den Sieg von Carina Vogt miterleben durfte. Ich habe es sehr genossen bei der ersten Olympiade im Frauenskispringen dabei zu sein.“

Ernst_4.png Foto: Joachim Ernst

Mit deiner Teilnahme an Olympia 2014 bei dem das Skispringen der Damen Premiere feierte, hast du auch ein Stück Skisprung-Geschichte geschrieben. Trotz großer Schritte und Entwicklungen im Frauen-Skispringen hinkt es den Männern aber immer noch hinterher. Was wünscht du dir für mehr Aufmerksamkeit?

„Die Olympiade in Sotschi war auf jeden Fall ein Meilenstein. Ich finde man darf in dem Kontext nicht vergessen, dass das Herren-Skispringen eine sehr viel längere Tradition hat als das Frauenskispringen. Klar haben wir längst nicht die großen Veranstaltungen und die gleiche Medienaufmerksamkeit wie die Herren, aber dafür, dass Frauenskispringen so eine junge Sportart ist , haben wir jetzt wirklich in den letzten Jahren schon viel erreicht. Ich bin mega dankbar, auch für den großen Einsatz, den auch Andi Bauer für uns auch jedes Jahr wieder aufbringt. Mit den Touren in Russland und Norwegen ist es da auch einen großen Schritt nach vorne gegangen. Trotzdem würde ich mir wünschen, dass man erkennt, dass man den Frauen Großschanze und vielleicht auch die Flugschanze anvertrauen darf. Es gibt so ein gutes Niveau, dass auch wir Mädels da runter springen können. Ich fände es cool, das bald zu sehen. Natürlich würde es mich auch traurig machen, weil ich selbst nicht springen kann, aber es würde mich freuen, wenn es in diesem Bereich weiter nach vorne geht.“

Nach Jahren mit Wechsel zwischen Contintenal Cup und Weltcup hast du dir im Dezember 2018 beim Continental Cup in Norwegen zum ersten Mal das Kreuzband gerissen. Wie bist du mit der Verletzung umgegangen?

„Es hat mich vor allem zunächst schockiert und ein bisschen aus der Bahn geworfen. Leider ist es aber eine sehr bekannte Verletzung im Skispringen und daher habe ich das recht schnell angenommen und für mich entschieden, den Aufbau zu machen und alles daran zu setzen, schnell zurück zu sein. Ich wusste von Teamkolleginnen, dass es möglich ist, wieder mit einem gesunden und fitten Knie zurückzukommen. In der Zeit hatte ich auch meinen Schulabschluss im Visier und habe die Zeit genutzt, um viel in der Schule zu sein. Natürlich ist so ein große Verletzung am Anfang immer einen Schock, aber ich habe schnell entschieden, das Beste draus zu machen.“

Nach deinem Comeback und nicht einmal ein Jahr später folgte dann der zweite Kreuzbandriss im Training. Hast du da schon gezweifelt?

„Das war schon schwierig, weil ich wusste, was auf mich zukommt. Bei der ersten Verletzung habe ich mich durchgebissen, aber beim zweiten Mal weiß man einfach, wie hart es körperlich und psychisch ist, durch so eine Verletzung zu gehen. Ich habe am Anfang nicht daran gezweifelt, dass es nicht möglich ist, zurück zu kommen, aber diese Machtlosigkeit war schon schwierig. Nach meiner Rückkehr konnte ich ohne Schmerzen springen und hatte wirklich ein gutes Gefühl, Vertrauen in mein Knie und auch keine Angst zurückzukommen. Mit dem Gefühl hatte ich nicht erwartet, dass sowas erneut passiert. Das war es ein unerwarteter Schock und eigentlich unspektakulär. Ich bin einfach gelandet und es hat nicht gehalten.“

Du studierst jetzt Psychologie in deiner Schweizer Heimat. Haben dich deine Erfahrungen aus dem Skispringen in der Studien-Wahl beeinflusst?

„Ja schon. Ich wusste lange Zeit nicht, was ich nach dem Sport machen möchte. Aber ich habe schon recht früh mit Mentaltraining begonnen und schnell herausgefunden, dass dieser mentale Faktor im Skispringen sehr großen Einfluss auf den Erfolg hat. Dann habe ich auch mit Psychologen zusammengearbeitet und festgestellt, dass es mich sehr interessiert. Auch durch eine Berufsberatung habe ich mich immer mehr mit dem Thema beschäftigt und bin dann zu meinem Psychologiestudium nach Zürich gekommen und auch jetzt noch richtig zufrieden mit dieser Entscheidung.“

Ich musste erstmal herausfinden, mit was sich die Gianina, die keinen Sport macht, identifizieren kann und was mir noch Spaß macht.

Du hast deine ganze Jugend lang Leistungssport betrieben und sicher auch viel dem Sport untergeordnet. Wie schwer fällt der Schritt ins „neue“ Leben?

„Es ist mir nicht so schwer gefallen, wie ich es mir gedacht hätte. Ich glaube das liegt aber vor allem daran, dass ich aus einer Verletzung komme und keine große Umstellung hatte. Das Einzige, was sich momentan für mich geändert hat, ist, dass ich angefangen habe zu studieren. Aber alles andere ist gleich geblieben. Ich bin immer noch im Reha-Training, ich wohne immer noch im selben Ort, gehe immer noch der gleichen Nebentätigkeit nach. Die Umstellung hat für mich schon viel früher stattgefunden, als ich einfach akzeptieren musste, dass ich jetzt wieder ein Jahr lang nicht springen kann und mich mit dem Leben neben dem Sport auseinandersetzen muss. Das war für mich am Anfang nicht einfach, weil ich erstmal herausfinden musste, mit was sich die Gianina, die keinen Sport macht, identifizieren kann und was mir noch Spaß macht. Leider habe ich jetzt durch Corona nicht das typische Studentenleben, aber ich hoffe das kommt noch.“

Kannst du dir vorstellen mit Bezug zu deinem Studium in den Sport zurückzukehren?

„Ja, das kann ich mir sehr gut vorstellen. Ich möchte mich aber noch nicht festlegen. In der Psychologie gibt es extrem viele Themenbereiche, die ich alle kennenlernen möchte, bevor ich mich spezialisiere. Ich denke aber mit den Erfahrungen, die ich im Sport sammeln konnte, insbesondere im Hinblick auf die mentale Stärke, könnte ich anderen Sportlern helfen. Ich könnte mir vorstellen, dass es für Sportler durchaus hilfreich sein kann, einen Psychologen zu haben, der selbst aus dem Sport kommt. Vieles was ich im Moment lerne, kann ich mit meinen Erfahrungen verknüpfen.“

Was wünscht du dir für deine Zukunft?

„Viel Gesundheit und vor allem Verletzungsfreiheit. Natürlich ist das Risiko jetzt ohne Skispringen weniger hoch, aber ein Risiko sich erneut zu verletzen besteht immer. Ich habe jetzt keine Angst vor Verletzungen und bin immer noch sehr aktiv und genieße es auch unterwegs sein, aber es wäre schön, wenn es dabei bleibt.“

Vielen Dank für das Interview, Gianina.

Jana Glose

Jana Glose

Erschienen in Skispringen am 20. November 2020

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