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Turnerin Kim Bui über sexuellen Missbrauch und die richtige Prävention

ExklusivSind Turnerinnen besonders gefährdet, sexuellem Missbrauch zum Opfer zu fallen? Wir haben diese Frage der langjährigen deutschen Turnerin Kim Bui gestellt und mit ihr auch darüber gesprochen, mit welchen Maßnahmen die Turnerinnen geschützt werden können.

Ein scheinbar symathischer Arzt, dem die jungen Mädchen im Turnen vertrauen – und der ihr Vertrauen maßlos ausnutzt. In der Netflix-Dokumentation "Athletin A" zeigen die Produzenten die ungeschönte Wahrheit darüber, was hinter den Kulissen des US-amerikanischen Turnsports passierte. Der Arzt Larry Nassar missbrauchte sexuell zahlreiche Turnerinnen und wurde vom System jahrelang geschützt. Nach Veröffentlichung des Films meldeten sich weltweit junge Turnerinnen zu Wort. Mobbing und extremer Drill stehen bei ihnen auf dem täglichen Trainingsplan. Was die Britinnen, Belgierinnen oder Australierinnen da erzählen ist keine sexuelle, aber psychische Gewalt. Wir haben mit der langjährigen DTB-Turnerin Kim Bui über die Vorwürfe gesprochen und darüber, was sie mit dem Turnsport machen.

Mobbing- und Missbrauchsvorwürfe erschüttern aktuell die Turnwelt. Was denkst du über Skandale wie aus Großbritannien oder den USA?

„Zunächst will ich deutlich machen, dass wir hier differenzieren müssen. Bei den Vorfällen in den USA um den Arzt Larry Nassar, die ja auch in der Netflix-Doku „Athletin A“ thematisiert werden, geht es um sexuellen Missbrauch. Das, was Turnerinnen aus Großbritannien, Australien oder Belgien aktuell ansprechen, ist psychische Gewalt. Da geht es um extreme Trainingsmethoden, Drill und eine Art von Mobbing. Im Fall USA glaube ich, dass mitunter diese Methoden es Larry Nassar ermöglicht haben, die Turnerinnen zu missbrauchen.“

"Die schlimmen Dinge passieren nicht auf Wettkämpfen, bei denen jeder hinsieht."

Wie meinst du das genau?

„Die Problematik ist, dass wir mit dem Leistungsturnen sehr früh beginnen. Schon in ganz jungen Jahren entsteht so eine Abhängigkeit vom Trainer oder anderen Personen, die in der schwierigen Phase der Pubertät oft noch stärker wird. Auf der einen Seite kapselt man sich von seinen Eltern ab, aber vom Trainer erhält man weiterhin Anweisungen und will ihm gefallen. Das verleiht diesen Personen eine gewisse Macht, die im Fall der USA missbraucht wurde.“

Mit Turnerinnen wie Simone Biles kommst du bei internationalen Wettkämpfen häufig zusammen. Sind dir je zweifelhafte Situationen aufgefallen?

„Als ich den Film auf Netflix gesehen habe, habe ich mich das auch gefragt. Wir haben gemeinsam geturnt, uns auf Wettkämpfen gesehen. Auch den Arzt Larry Nassar habe ich dort gegrüßt. Doch ich hatte keine Ahnung, denn das ist eben nicht der Trainingsalltag. Die schlimmen Dinge passieren nicht auf Wettkämpfen, bei denen jeder hinsieht.“

Wie hat die Netflix-Doku auf dich gewirkt?

„Ich fand das erschütternd und sehr verstörend. Die USA sind die Turn-Nation schlechthin. Ich konnte gar nicht glauben, dass in diesem ganzen Konstrukt so viel Vertuschung steckt. Und immerhin ist das doch die Sportart, die ich selbst ausübe.“

Haben die Enthüllungen dein Bild vom Turnen verändert?

„Nein, das nicht. Mit 30 Jahren bin ich jetzt lange genug dabei, um das entsprechend reflektieren zu können. Mit 15 Jahren hätte ich womöglich nicht den Weitblick gehabt, das alles einzuordnen. Aber natürlich hinterfragt man sich jetzt und das, was man selbst erlebt hat. Auch im Training haben wir viel gemeinsam über die Vorfälle gesprochen. Das ist jetzt besonders wichtig, dass wir darüber sprechen. Daher finde ich es auch gut und mutig, dass Turnerinnen aus anderen Nationen jetzt ihre Stimme erheben.“

Auch der DTB hat sein Präventionskonzept erneuert und in den Medien darüber gesprochen.

„Genau. Die Vorfälle haben dazu geführt, dass das Thema aufmerksamer wahrgenommen wird. Mit dem Konzept möchte der Turnerbund eine Kultur des Hinsehens schaffen und da stehe ich vollkommen dahinter. Als Athletensprecherin unterstütze ich den Verband dabei, das Konzept zu verbreiten, auch wenn ich natürlich weiß, dass nicht alle Turner und Turnerinnen das jetzt sofort durchlesen. Aber mir ist wichtig zu vermitteln, dass sich die Athleten und Athletinnen hier sicher fühlen können und dass es Wege gibt, falls jemand ein Problem hat. Denn zugegeben: Gerade im Turnen ist der Grat zwischen nötigem Arschtritt und Drill sehr schmal.“

Würdest du sagen, Turnen ist in Bezug auf sexuellen Missbrauch besonders kritisch, etwa aufgrund knapper Kleidung und enger Hilfestellungen?

„Da wir Turnerinnen schon früh mit Hilfestellungen in Berührung kommen, sind wir daran gewöhnt. Viele Trainer sagen einem vorher auch, dass sie uns jetzt gleich halten werden. Dafür werden sie bei Schulungen sensibilisiert. Im Training ziehen wir präventiv auch immer einen Turnanzug an, um zu verhindern, dass bei einer Hilfestellung etwa aus Versehen unter den BH gegriffen wird. Aber wenn ich stürze und der Trainer mich beim Auffangen unabsichtlich an einer intimen Körperstelle berührt, dann hat das für mich nichts mit mutwilligem Anfassen zu tun. Daher würde ich sagen, Turnen ist nicht mehr gefährdet, wenn die Beteiligten Personen entsprechend geschult sind.“

„Turnen ist eine wundervolle Sportart, die die Basis für viele andere Sportarten legen kann. Ich glaube nicht, dass aufgrund der Dokumentation oder anderer Veröffentlichungen nun weniger kleine Mädchen turnen wollen oder ihre Eltern sie dorthin schicken."

Dann schaden diese Skandale dem Turnsport nicht?

„Turnen ist eine wundervolle Sportart, die die Basis für viele andere Sportarten legen kann. Ich glaube nicht, dass aufgrund der Dokumentation oder anderer Veröffentlichungen nun weniger kleine Mädchen turnen wollen oder ihre Eltern sie dorthin schicken. Es ist schließlich ein großer Unterschied zwischen dem Leistungssport, wie wir ihn betreiben, und dem Turnen auf Breitensportbasis. Ich wünsche mir, dass so viele wie möglich diesen Sport betreiben.“

Erschienen in Turnen am 11. August 2020

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