SV Todtnau kämpft für den Aufstieg – und mehr Gleichberechtigung

ExklusivBeim SV Todtnau ziert seit kurzem die Webadresse von Sportfrauen die neuen Jacken. Wie es dazu kam, warum sich das Team für mehr Gleichberechtigung von Frauenfußball stark macht und welche Pläne die Todtnauerinnen in dieser Saison haben.

3:1 in der ersten Runde des Bezirkspokals Hochrhein, 8:0 im Testspiel und 5:0 am ersten Spieltag: Die Damen des SV Todtnau können einen Traumauftakt in die neue Saison verzeichnen. Tief im Schwarzwald trainiert und spielt die Mannschaft in der Bezirksliga Hochrhein West. „Wir wollen in diesem Jahr Meister werden und aufsteigen. Außerdem haben wir fest vor, uns den Pokal zu holen“, sagt Lisa Mühl, zweite Kapitänin.

Zweigleisige Bezirksliga – niedrigeres Niveau

Doch selbst wenn das Team Meister wird, ist der Aufstieg noch nicht sicher. Vor zwei Jahren wurde die Bezirksliga zweigleisig, aufgeteilt in Ost und West. „Unter anderem sollten lange Fahrtwege vermieden und der Frauenfußball attraktiver gemacht werden“, erklärt Peter Wietzel, der mit seinen Trainerkollegen Rainer Wetzel und Andreas Gutmann die Todtnauer Damen seit vielen Jahren trainiert. Doch die Bemühungen des Verbands haben für das Trainerteam und viele Spielerinnen genau das Gegenteil bewirkt.

„Wertschätzung für Frauenfußball sieht für mich anders aus.“ Trainer Peter Wietzel

Da die Kreisliga unterhalb aufgelöst und nun die Mannschaften in die Bezirksliga integriert wurden, hat das dem Niveau massiv geschadet. Zum Start der Zweigleisigkeit wurde es sogar ermöglicht, dass zwei Teams eines Vereins in derselben Liga auflaufen. Regelkonform ist das nicht. Peter sagt: „Wertschätzung für Frauenfußball sieht für mich anders aus.“ Er selbst hat vor seiner Tätigkeit beim SV Todtnau schon bei verschiedenen Vereinen auch gemischte Teams trainiert. Unter anderem beim FC Schönau, dem Heimatverein von Bundestrainer Jogi Löw.

SV Todtnau für mehr Gleichberechtigung von Frauen

Um zu zeigen, dass sich die Todtnauer Damen für mehr Gerechtigkeit im Frauenfußball und generell im Frauensport einsetzen, ziert die Webadresse von Sportfrauen nun die neuen Präsentationsanzüge. „Wir haben noch viele andere starke Sportlerinnen in der Region und es wäre toll, wenn wir gemeinsam mehr Aufmerksamkeit auf den Frauensport lenken“, begründet Peter den Aufdruck auf den neuen Jacken. Auch Lisa und erste Kapitänin Micha Gutmann befürworten das.

„Wenn allein schon unsere Trainer ähnlich gut bezahlt werden wie die Trainer bei den Männern, wäre das ein Schritt zu mehr Gleichberechtigung von Männern und Frauen im Fußball.“ Kapitänin Micha Gutmann

Auch innerhalb des Vereins müssen die Damen oft zurückstecken. Von neun Trainingseinheiten während der laufenden Vorrunde im Oktober wird der Platz fünfmal anderweitig belegt sein. Ohne vorher mit der Mannschaft darüber zu sprechen, fügt Peter hinzu.

Extrem motiviert in die Saison

Die Vorbereitung immerhin konnte erfolgreich absolviert werden, getragen von der hohen Motivation der Spielerinnen. Zwar sind die Spielerinnen aufgrund der Einschränkungen durch die Corona-Pandemie nicht so gut trainiert wie in den Jahren davor – doch das geht schließlich allen Mannschaften so. Und die Ergebnisse zum Saisonstart sprechen für die gute Form der Todtnauer Damen. Micha sagt: „Alle sind extrem motiviert und der Kader ist so groß wie nie, da keiner im Urlaub ist.“

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Die Corona-Regelungen haben aktuell keinen negativen Einfluss auf den Spielbetrieb der Mannschaft. Alle sind gesund – und Zuschauer kommen sowieso nie so viele, dass man sich über Abstandsregelungen Sorgen machen müsste. „Alle, die kommen wollen, können gerne kommen“, sagt Lisa und lacht. Eine Ausnahme war im Jahr 2016, als das Team als Bezirkspokalsieger im Verbandspokal antreten durfte und sich bis in die dritte Runde vorkämpfen konnte. Das Spiel ging erwartungsgemäß gegen den Regionalligisten mit 0:11 verloren – war aber für das Team und die circa 150 Zuschauer ein tolles Erlebnis.

Einsatz für Nachwuchs und Sponsoren

Damit in Todtnau auch eine weibliche Jugendmannschaft spielt, haben sich Lisa, Micha und andere Teamkolleginnen selbst um die Organisation kümmert. Zeitungsinserate und Werbung auf Instagram haben neue junge Spielerinnen zum Verein gebracht. Trainerinnen machen die Damen der 1. Mannschaft einfach selbst. Auch um Sponsoren kümmert sich das Team. Für Trikots, Auswärtsfahrten und die neuen Präsentationsanzüge kommt so zumindest ein bisschen was zusammen. Ein wichtiges Bindeglied ist die derzeit nicht aktive Spielerin Hanna Dorn, die sich für die Juniorinnen und Damen in Leitungsfunktion verantwortlich zeichnet.

„Das Team ist wie eine Familie, wir verbringen so viel Zeit hier und verstehen uns wahnsinnig gut." Lisa und Micha

Auch für Lisa und Micha gehört dieses Engagement dazu, beide spielen seit mehr als zehn Jahren für den Verein und verbringen hier viel Zeit. Lisa war sogar das erste Mädchen überhaupt, das dort Fußball gespielt hat. Sie ist über ihren Opa zu dem Sport gekommen, Micha über die älteren Brüder und ihren Patenonkel – beide können sich ein Leben ohne Fußball nicht mehr vorstellen. „Das Team ist wie eine Familie, wir verbringen so viel Zeit hier und verstehen uns wahnsinnig gut“, sagen beide. Das macht sich auch auf dem Feld bemerkbar. Nicht umsonst führen die Todtnauerinnen die Tabelle an und haben sich den Aufstieg vorgenommen.

Erschienen in Fußball am 10. Oktober 2020

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