Lisa Brennauer: ,Es hat sich verdammt viel getan im Frauenradsport'

ExklusivGerade erst den Giro d’Italia Donne gefahren, als nächstes stehen schon die olympischen Wettkämpfe in Tokio an: Dennoch hatte Sportfrauen die Gelegenheit, mit Fahrerin Lisa Brennauer über die positive Entwicklung des Frauenradsports zu sprechen.

Es bewegt sich etwas im Frauenradsport. Schon lange kämpfen die Fahrerinnen um mehr Sichtbarkeit und Anerkennung. Die eigene Tour de France, welche nächstes Jahr erstmals wieder ausgetragen wird, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Doch auch der Weltradsportverband UCI hat sich die Förderung des Frauenradsports fest vorgenommen. So sind die WorldTour-Teams seit dem vergangenen Jahr verpflichtet, den Fahrerinnen ein Mindestgehalt auszuzahlen, Urlaubs- und Krankengeld sowie Lohnfortzahlungen während des Mutterschutzes müssen ebenfalls gewährleistet sein.

Doch reicht das? Darüber sprechen wir mit Lisa Brennauer, mehrfache deutsche Meisterin und Straßen-Weltmeisterin von 2014. Derzeit bereitet sich die 33-Jährige aus Kempten auf die Olympischen Spiele in Tokio vor, bei denen Sie sowohl an den Straßen- als auch Bahnwettbewerben teilnimmt. Das Giro d’Italia Donne, welches vergangene Woche zu Ende ging und eines der Highlights im Wettkampfkalender der Frauen darstellt, beendete sie auf dem vielversprechenden 19. Platz.

Wie steht es derzeit um den Frauenradsport?

Ich bin jetzt schon sehr lange dabei. Wenn ich zehn Jahre zurückblicke und den heutigen Status Quo sehe, hat sich verdammt viel getan. Auf allen Ebenen - Infrastruktur, Teams, Leistungsdichte. Nächstes Jahr findet zum ersten Mal seit langem eine eigene Tour de France der Frauen statt. Das hat ein Riesenpotenzial.

Inwiefern?

Ich hoffe, dass die Tour für eine größere Sichtbarkeit sorgen wird und wir zeigen können, wie spannend unsere Rennen sind und welch großen Unterhaltungswert sie haben. Doch auch wenn wir schon viel erreicht haben, ist noch ganz viel Luft nach oben. Aber wir haben eine gute Grundlage für die weitere Entwicklung des Frauenradsports geschaffen.

Das liegt auch an den Maßnahmen, welche die UCI im vergangenen Jahr für die WorldTeams eingeführt hat. Was halten Sie davon?

Die UCI hat mit der Women’s World Tour, welche nun mehr der Tour der Männer gleicht, und der Einführung von Mindestgehältern, Krankenversicherungen und Mutterschutz die richtigen Schritte ergriffen. Es zeigt auch, dass die UCI auf die Probleme reagiert hat, die Frauen im Leistungssport haben. Uns stellen sich eben andere Fragen. Wie sieht es mit meiner Zukunft aus? Was ist, wenn ich schwanger werde? Steht die Familienplanung meiner Karriere im Weg? Da gibt es nun mehr Sicherheit.

Ich hoffe, dass die Tour de France für eine größere Sichtbarkeit sorgen wird und wir zeigen können, wie spannend unsere Rennen sind und welch großen Unterhaltungswert sie haben.

Sie fahren allerdings nicht für ein WorldTeam, sondern für das deutsche Continental-Team Ceratizit-WNT Pro Cycling Team. Für diese Teams sind diese Maßnahmen nicht verpflichtend.

Trotzdem fühle ich mich im Moment gut in meinem Team aufgehoben, obwohl wir kein WorldTour-Team sind. Das liegt aber auch daran, dass ich in der Sportfördergruppe der Bundeswehr bin und dadurch die Sicherheiten, die eigentlich ein WorldTour-Team mit sich bringt, genießen darf. Ich habe über diesen Weg einfach eine riesige Unterstützung.

Könnten Sie denn ohne die Unterstützung der Bundeswehr vom Radsport leben?

Aktuell wäre das der Fall. Ich muss aber dazu sagen, dass ich den Weg so nicht hätte gehen können und es schwer gewesen wäre, dahin zu kommen, wo ich heute bin. Damals musste ich mich zwischen Studium und Leistungssport entscheiden. Es existierten zu Beginn meiner Karriere einfach noch nicht die Möglichkeiten, die es heutzutage gibt, zum Beispiel ein Fernstudium. Auch da hat sich vieles getan. Ich bin jedenfalls dankbar und froh, dass ich einen Partner und Arbeitgeber wie die Bundeswehr an meiner Seite habe, der mich auf allen Ebenen unterstützt.

Längst nicht jede Fahrerin kann vom Radsport leben.

Nein. Die Unterschiede sind enorm hoch – sowohl innerhalb als auch zwischen den Teams. Bei den Männern ist es jedoch genauso, halt nur auf einem viel höheren Niveau. Ich kenne Fahrerinnen, die nicht von ihrem Team bezahlt werden und auf große Unterstützung angewiesen sind. Das ist auf jeden Fall ein Thema, welches in der Zukunft noch weiter angegangen werden muss, um mehr Gleichberechtigung zu erreichen.

Immer mehr Männerteams engagieren sich im Frauenradsport und gründen eigene Teams. Ist das auch ein Weg zu mehr Gleichberechtigung?

Viele Männerteams haben erkannt, dass der Frauenradsport Potenzial hat. Und ich glaube, dass wir davon profitieren können. Nur müssen sie es dann auch ernst nehmen. Es darf nicht passieren, dass das Frauenteam nicht dieselben guten Bedingungen wie die Männer hat. Wenn sich ein Männerteam zu diesem Schritt entschließt, dann bitte auch mit dem gleichen Engagement und den gleichen Voraussetzungen. Es gibt aber ebenfalls wahnsinnig tolle Teams im Frauenradsport, die noch nie zu einem Männerteam gehört haben. Die sind zum Teil einen sehr harten Weg alleine gegangen und haben großartige Eigenleistungen erbracht, um heute so erfolgreich zu sein. Diese Teams dürfen nicht verdrängt werden.

Rein sportlich und körperlich gesehen hätten wir Frauen aber auch eine solche 21-tägige Tour definitiv drauf.

Sie haben schon die Tour de France erwähnt, welche nächstes Jahr über acht Tage durch Frankreich führen wird. Im Vergleich zu den Männern haben die Frauen relativ kurze Rundfahrten. Würden Sie sich längere wünschen?

Ich finde unsere Rundfahrten, die sieben oder zehn Tage lang sind, richtig cool und spannend. Das ist Wettkampf auf hohem Niveau. Ich denke aber schon, dass viele Fahrerinnen bereit wären, eine längere Rundfahrt zu fahren. Ich frage mich jedoch, ob es eine 21-tägige Grand Tour wie bei den Männern unbedingt braucht. Außerdem können viele Frauenteams noch nicht die Mannschaftsstärke und Infrastruktur aufweisen, um eine längere Rundfahrt bewerkstelligen zu können. Das braucht vielleicht noch einige Jahre. Rein sportlich und körperlich gesehen hätten wir Frauen aber auch eine solche Tour definitiv drauf. Ich persönlich hätte Spaß an so einer langen Rundfahrt. Umso länger, desto besser.

Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass der Frauenradsport nach wie im Schatten der Männer steht?

Die finanziellen Möglichkeiten sind natürlich durch die geringere Sichtbarkeit ganz andere bei uns. Zwar hat sich beim Thema Sichtbarkeit einiges getan – wenn man sucht, findet man online relativ viel zum Frauenradsport, im Fernsehen dagegen sehr wenig – aber da ist großes Potenzial für mehr. Dabei bringt jegliche Sichtbarkeit den Sport nach vorne. Das habe ich selbst schon gemerkt, als ich bei den European Games 2018 in Glasgow am Start war. Damals lief unser Rennen einfach im Fernsehen, so dass es viele Menschen gesehen haben, die nicht im Radsport zuhause sind. Dadurch habe ich so viel Feedback bekommen und mich haben viel mehr Leute wahrgenommen.

Was fehlt dem Frauenradsport Ihrer Meinung noch, um bekannter zu werden?

Zum einen ist es wichtig, dass Teams und Fahrerinnen eine Einheit bilden, denn in Zukunft wird diese Lobby gebraucht, um die richtigen Schritte anzugehen. Zum anderen braucht es nach wie vor die Menschen, die an das Potenzial glauben, welches in diesem Sport und den Frauen steckt. Wir können aber auch nicht immer erwarten, dass alles von außen passiert, sondern wir müssen von innen mit Einigkeit und Geschlossenheit das Ziel verfolgen, den Frauenradsport größer und bekannter zu machen.

Katarina Schubert

Katarina Schubert

Erschienen in Radsport am 16. Juli 2021

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