Eishockey

Taktik-Tafel statt Schläger: Claudia Weltermann trainiert den EC Bergkamen

ExklusivErstmalig in der Vereinsgeschichte wird beim EC Bergkamen eine Frau das Bundesliga-Team trainieren. Claudia Weltermann tauscht den Schläger gegen die Taktiktafel und will das Dameneishockey voranbringen.

Erfahrung plus Leidenschaft – eine gute Kombination, die die neue Trainerin beim EC Bergkamen in der 1. Eishockey Bundesliga mitbringt: Claudia Weltermann hat selbst fast ihr gesamtes Leben für den Verein gespielt und kennt die Herausforderungen ganz genau. Wenn es Corona zulässt und die Saison gespielt werden kann, wird sie bei den Bären an der Bande stehen. Was sie mit dem Team vorhat und wo die größten Schwierigkeiten liegen, hat sie uns im Interview verraten.

Claudia, wie kommt’s dass du dich jetzt für die Trainerposition entschieden hast, anstatt weiter auf dem Feld dein Team zu unterstützen?

„Wir hatten in Bergkamen nach einem neuen Trainer gesucht. Und ich muss sagen: Ich bin echt enttäuscht, wie wenig der Posten im Fraueneishockey wertgeschätzt wird. Als wir nach langer Suche niemanden gefunden haben, habe ich angeboten, das zu übernehmen. Da ich nach meinem Lehramtsstudium nun ins Referendariat wechsle, wird es für mich selbst sowieso schwierig, mich immer zu 100 Prozent fit zu halten. Daher habe ich der Mannschaft diesen Vorschlag gemacht. Mit war wichtig, dass alle damit einverstanden sind.“

Warum war es so schwierig, eine:n Trainer:in für euer Team zu finden?

„Der Trainerjob bei uns ist mehr, als Trainer oder Trainerin zu sein. Da wir zwar Bundesliga spielen, aber aufgrund der finanziellen Verhältnisse eher semi-professionell aufgestellt sind, müssen wir viel selbst organisieren. Auch der Trainer oder die Trainerin muss mehr machen als nur seinen Job, sich vielseitig engagieren und mit ganzem Herzen dabei sein.“

Mit dem Herzen bist du auf jeden Fall dabei.

„Das stimmt. Seit ich 14 bin, bin ich in Bergkamen bei den Damen dabei. Für mich ist Wertschätzung enorm wichtig und dass man sich mit seinem Verein identifizieren kann. Seit ich 17 Jahre alt bin, bin ich auch als Trainerin tätig.“

Was hast du mit dem Team nun vor?

„In erster Linie geht es mir um das Dameneishockey an sich, weniger um die spezielle Saison. Viele Jahre hatte ich Robert Bruns als Coach und habe viel von ihm gelernt. Das will ich weitergeben. Ich will unsere Jugendspielerinnen fördern, wie es auch mein Trainer mit mir gemacht hat, und taktisch versierter werden. Ich will NRW als Eishockey-Standort stärken, sodass nicht die guten Eishockeytalente von Hannover bis Ingolstadt fahren, um dort zu trainieren und zu spielen. Wenn wir als Verein attraktiv sind, ist die Chance höher, das der gute Nachwuchs auch zu uns kommt. Ich sehe diese Saison als eine Standortbestimmung und will konkurrenzfähig sein.“

Ich will NRW als Eishockey-Standort stärken, sodass nicht die guten Eishockeytalente von Hannover bis Ingolstadt fahren, um dort zu trainieren und zu spielen.

Was müsste sich ändern, damit das so ist?

„Ganz klar: die finanzielle Unterstützung. Da stehen Vereine wie Ingolstadt oder Memmingen einfach besser da als wir. Mit einem geschätzten Etat von 30.000 Euro im kompletten Jahr können wir den Spielerinnen kaum etwas finanzieren. Aber hier in der Region Sponsoren zu finden, war bisher schwierig. Wir haben einen langjährigen und zuverlässigen Hauptsponsor, ohne den wären wir aufgeschmissen. Aber generell hat Eishockey hier einfach keine Lobby.“

Das ist sicher nicht immer einfach für euch.

„Genau das macht die Stärke unseres Teams aus. Der Zusammenhalt auf und neben dem Feld ist riesig. Wir stemmen das gemeinsam.“

WhatsApp Image 2020-07-19 at 14.55.22-2.jpeg Claudia Weltermann hat viele Jahre für den EC Bergkamen gespielt. Foto: privat

Wann hat deine Liebe zum Eishockey begonnen?

„Ehrlich gesagt habe ich als Kind mit Eiskunstlauf angefangen. Weil aber mein Bruder und mein Onkel Eishockey gespielt haben, wollte ich das auch probieren. Dann habe ich schnell gewechselt. Die Kleidchen waren einfach nichts für mich. Ich habe damals in Unna angefangen und bin später zu den Frauen in Bergkamen. Nach dem Abitur war ich noch eine Saison in der schwedischen Bundesliga. Dort habe ich erlebt, dass das Fraueneishockey ganz anders wertgeschätzt und finanziert wird als bei uns in Deutschland. In dieser Zeit habe ich viel dazugelernt und mich als Spielerin weiterentwickelt.“

Was waren deine bisher größten Erfolge?

„2005 bin ich deutsche Meisterin geworden – das ist wahrscheinlich der größte sportliche Erfolg, den ich vorzeigen kann. Aber mein persönlich größter Erfolg ist eher, dass ich schon seit 2001 in der Bundesliga dabei bin – und das verltzungsfrei. Und hier habe ich viele gute Freunde gefunden.“

Und ab dieser Saison stehst du dann auf einer neuen Position.

„Ich mache den Job mit Leidenschaft und bin gespannt, was die kommenden Wochen und Monate bringen. Im Moment haben wir noch viele Fragezeichen zu klären, zum Beispiel, ob wir aufgrund der Corona-Pandemie Spielerinnen aus dem Ausland bekommen. Wenn nicht, könnte es für uns noch härter werden.“

Erfolg bedeutet für uns, die anderen auch mal zu ärgern.

Dann schätzt du eure Chancen in der Liga eher gering ein?

„Köln könnte als Neuling der Liga unser direkter Konkurrent werden. Mal sehen, wie sie sich schlagen. Bei den ersten drei Teams mitzuhalten, also Memmingen, Ingolstadt und Planegg, wird wie schon in den vergangenen Jahren nicht möglich sein. Aber: Erfolg bedeutet für uns, die anderen auch mal ärgern zu können. Und das ist uns schon ein paar Mal gelungen. Das wollen wir definitiv wiederholen. Jetzt hoffen wir aber erst einmal, dass wir spielen können.“

Verfasst von Nina Probst

Erschienen in Eishockey, Frauen im Sportbusiness am 20. Juli 2020

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